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1 - Das kleine Volksblatt Sonntag, 19.11.1961

Die Wochenendstation der Wiener
Spaziergang durch die Wienerwaldgemeinde Gablitz

WENN DER CHAUFFEUR DIE STREICHHÖLZER vergessen hätte, konnte der Autobus "Gablitz - Purkersdorf und zurück"
nicht abfahren. Die zweizylindrige Daimlermaschine mit Vorglühzündung verlangte ordentlich "angeheizt" zu werden. Mit
Schwefelhölzer, damals. Man schrieb nämlich 1898, und der baldachinüberdachte, prunkvolle Omnibus, der vor dem Gasthof
Franz Broidl*) Endstation machte, war der erste seiner Art in der Monarchie, wenn nicht gar im ganzen deutschen Sprachraum.
Er, der den Zubringerdienst zur Westbahn besorgte, fiel, merkwürdig genug, seiner Phonzahl zum Opfer. Die Behörden ahndeten
seinen Lärmexzess mit der Einstellung der der Linie, wobei sie überdies auch geltend machten, dass das voluminöse Fahrzeug
die Straßendecke beschädige. Der Autobus wurde durch einen von Pferden gezogenen Stellwagen ersetzt, und erst 1926 wurde
ein privater Autobusverkehr eingerichtet, den dann später die KOeB übernahm.

In unserer Zeit der Phonexzesse mutet die damalige Verordnung merkwürdig an. Gablitz, das wir, fahren wir westwärts, links
liegen lassen, bebt Tag und Nacht unter dem Donner der Motoren. Es könnte ebenso gut an der Avus liegen. Die Nächte sind eine
einzige Lärmorgie, da die Fernlaster bergwärts rollen und geräuschvoll schalten. Die kleine Wienerwaldgemeinde, einst (wie viele
andere in diesen Gebieten) Sommerfrische der vornehmen und wohlhabenden Wiener, duckt sich, soweit es den straßenseitig
gelegenen Teil betrifft, unter den Pulsschlägen der Arterie "Bundesstraße Nr. Eins". Die Gablitzer warten ungeduldig auf
Fertigstellung des Autobahnabschnittes Preßbaum - St. Christophen. Sie erwarten sich, dass dann der lärmende, für sie nutzlose
Transitverkehr einem echten Touristenverkehr Platz machen wird. Sie wollen, dass die Fremden hier bleiben und nicht nur in der
Kolonne warten müssen, gepeinigt von dem Wunsch, endlich aus Gablitz draußen zu sein.

SIE MÖCHTEN GERNE, DIE GABLITZER, dass die Wiener in Gablitz verweilen. Das ist nicht weit von der Ortstafel. Dort, wo das
niedere, gelbe Haus mit dem roten Schmiedschornstein steht. Es ist 400 Jahre alt und gehört Meister Johannes Wanderer. An
der Mauer die Tafel: "Gablitzer Hauptstraße", vor dem Gebäude eine barocke Nepomuk-Figur in einem Beet. Das ist
gewissermaßen die romantische Pforte des versteckt in Geländefalten liegenden, waldreichen Ortes mit seinen rund zweitausend
echten Gablitzern und ebenso vielen Wienern, die hier ihre Sommerhäuser errichtet haben. Von den zweitausend "Eingeborenen"
bewegt sich wieder der größte Teil täglich als Pendler nach Wien und zurück, wo er seine Arbeitsstätten hat. 411 Häuser sind
dauernd bewohnt, der auf 834 nur "in der Saison" oder am Wochenende. 1910 lebten hier tausend Sommerfrischler.

Gablitz ist trotz Arterie Nummer Eins heute noch eine chronische Sommerfrische - und mit Recht. An ihr haftet noch der Zauber
der alten Zeit, in der man - fernab der "Einser" - noch Ruhe findet, in der man eine gute Küche zu schätzen weiß und geruhsame
Spaziergänge, die einem hier die Hausberge, der Troppberg und die Hochramalm, erschließen. Steht man an der Esse neben
Meister Wanderer, dessen breites, lebensfrohes einen Kaiserbart trägt, so riecht es nach Horn, das in qualmenden Wolken über
den Hufen verbrennt, denn es gibt noch Pferde hier in der Umgebung, in Gablitz allein sechs.

EBENFALLS EIN HANDWERKER ALTEN SCHLAGES ist KR Anton Hagl, Bürgermeister und Zimmermeister. Während
Wanderer die Häuser mit schönen schmiedeeisernen Gittern schmückt, sorgt Hagl für das Dach überm Kopf. Der 56-jährige,
Vater von vier Kindern, amtiert seit 1948, rechtmäßig aber bekleidet er das Amt bereits seit 1945. Die politische Gegenwarts-
situation wird noch immer von der Tatsache beeinflusst, dass 1930 in Gablitz eine starke Gruppe des Christlichsozialen
Arbeitervereines unter Kunschak gegründet wurde, ebenso eine Fraktion Christlicher Gewerkschafter.

Man kann sagen, dass Hagl sein Amt wahrhaftig ernst nimmt und mit wenig Geld bisher allerhand geleistet hat. Die Gemeinde
verfügt über vorzügliche Straßen, gute elektrische Beleuchtung und über ein Schwimmbad, das im vergangenen Sommer zur
Attraktion auch für die Wiener wurde. Wie kaum in einer anderen Gemeinde ist der Siedlungsbau in Gablitz vorangetrieben
worden, der dem Ort heute das Gepräge gibt. Die Häuserreihen rücken dicht an den Wald heran, so dass die früher einsam und
abseits gelegene Kirche allmählich in den Ortsmittelpunkt gerät. Nun, auch der Kirche gilt das Augenmerk der Gemeinde. Sie
erhält einen 27 Meter hohen Turm, der derzeit im Bau ist. Er wird gleichzeitig auch ein Mahn- und Ehrenmal bergen und äußerlich
auch zum neuen Wahrzeichen des Ortes werden. Pfarrer Geistlicher Rat Karl Baumhauer, ein gemütlicher Schwabe, der trotz
Führerschein es vorzieht, seine Versehgänge zu Fuß zu machen, hat Vitalität genug, neben seinen seelsorgischen Aufgaben sich
als Laie mit einem Sondergebiet der Medizin zu befassen: mit Augendiagnostik. Er kann seine Fähigkeit nicht systematisch
erproben, da in Österreich der Beruf des Heilpraktikers nicht existiert, aber Pfarrer Baumhauer betreibt das Fach mehr als
Forscher - aus privater Neugierde. Und hat es in der Irisdiagnostik erstaunlich weit gebracht. In Gablitz besitzt auch die
Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilands ein Erholungsheim für die Schwestern, zugleich einen Landeskindergarten,
dessen segensreiche Tätigkeit mit dieser Erwähnung nur unzureichend gewürdigt erscheint.

MÄNNER WIE HAGL, die neben der Führung eines eigenen Betriebes noch die Arbeitslast eines Bürgermeisters tragen, geraten
in den kleinen, finanzschwachen Gemeinden leicht in die Lage von Familienvätern, die ein karges Budget zur Verfügung haben
und doch bestrebt sein müssen, Frau und Kindern nichts abgehen zu lassen. Sie verdienen unsere uneingeschränkte
Bewunderung, um so mehr, da von ihrer Arbeit wenig Aufhebens gemacht wird. Darin teilen sie das Schicksal vieler Österreicher,
die darauf mit Mutterwitz reagieren, was schon der Wiener Johann Nepomuk Vogel bewies, wenn er uns einst Heiteres aus
Gablitz erzählte.

Zu diesem heiteren Ton passt auch der längst vergessene Volkswitz, der einen einfältigen Menschen damit kennzeichnete, dass
er von ihm sagte: "Der hat auch auf der hohen Schule zu Gablitz studiert!" An dem ironischen Wort soll ein Gablitzer Braumeister
schuld sein, der seine beiden Söhne (mit wenig Erfolg) von einem Instruktor hatte erziehen lassen**). Aber alte Gablitzer Bauern
erzählen, Hochschüler der Forstakademie zu Mariabrunn hätten mit Vorliebe das Brauhaus besucht und eines Tages habe sich
ein Ochse ind das Stammlokal der Studenten verirrt und habe zum Fenster hinausgesehen ...

Über die Legende lachen selbst die Gablitzer, so dass wir Wiener uns erlauben können, sie hier wiederzugeben, wie Leute, die
dort so daheim sind, so dass sie sich wie viele andere wenigstens als "Wahl-Gablitzer" fühlen können.

*) Heute "CULINARIUM" Linzerstraße 80 in Gablitz
**) Datenbank zur Europäischen Ethnologie / Volkskunde