25 - Juni 2004

Die Hochrahm-Alpe und ihr Schöpfer
(Eine Skizze aus dem Wienerwald)

Ein Zeitungsbericht über die Entstehung vom Sonntag, den 10. Juli 1887
(Rechtsschreibung und Namensbezeichnung mit "H" aus dem 19. Jahrhundert)

Die große Geographie, welche so genau weiß, wo die Berner Alpen liegen,
und die berühmten Landkartenmacher, welche es auf dem kleinen Finger
herzählen können wie viele Klafter lang die See-Alpen sind, haben schwerlich
eine Ahnung, dass es auch eine Hochrahm-Alpe gibt. Selbst Hochtouristen
vom Fach, die schon unzählige Male vom Dachstein herunter und auf den
Großglockner heraufgefallen sind, dürften den Kopf bedenklich schütteln,
wenn sie diese Alpe nennen hören. Nur solche Alpinisten, welche gewohnt sind,
die Sofien-Alpe und ähnliche Bergeshäupter zu erklimmen, kennen auch die
Hochrahm-Alpe und wissen sie zu schätzen.

Ihnen ist sie nicht zu hoch aber auch nicht zu niedrig; sie fürchten nicht ihre Gefahren, aber auch nicht ihre
Gefahrlosigkeit; sie sind also weit muthiger als die berühmten Dolomitenkletterer und Gletscherwanderer, die eine
Besteigung der Hochrahm-Alpe nicht um die Welt unternehmen würden.

Auch ich bin einer von ihnen und gestehe offen, dass ich diese niedrige Hochtour oft mit Vergnügen gemacht habe,
ohne mich vor mir und meinen Nebenmenschen blamiert zu fühlen. In der That ist sie auch durchaus nicht so ganz
mühelos zu erreichen, als Mancher glaubt. Man muß zu diesem Zwecke schon auf der Westbahn bis Purkersdorf, ja
bis zur Haltestelle Kellerwiese fahren, was insoferne seine Schwierigkeiten hat, als daselbst nur die wenigsten Züge
halten. Dann muß man noch volle 35 Minuten wandern, wozu doch schon ein längerer Urlaub vonnöthen ist. Und
zwar schlägt man die Linzer Straße ein, so genannt, weil sie nach der berühmten Universitätsstadt Gablitz*) führt.
Nach einer Viertelstunde schlägt man sich bei einem Wegweiser links hügelan, über frische grüne Matten, in denen
das Erdzeislein**) so häufig ist wie auf anderen Alpen kaum das Murmelthier. Unter einem wilden Birnbaum von
seltener Größe macht man Rast; der berühmte Birnbaum auf dem Walserfelde ist mit ihm verglichen ein dürres
Reis. Nun noch 10 Minuten gestiegen und man steht erstaunt still, denn man sieht, was man nicht im Träume
erwartet hat.

Ein See auf einem Bergrücken. Hinter ihm fällt die Hügelwand plötzlich ab, so dass Wasser und Himmel sich
berühren. Man glaubt, eine Schüssel voll Wasser auf einen Tisch gestellt zu sehen. Freilich ist eine Schüssel rund,
dieser See aber ist mehr viereckig, der einzige viereckige See der Welt. Drei viereckige Rasen-Inseln, mit zierlichen
Bäumchen bestanden, unterbrechen seinen Spiegel; sie heißen Herren-Insel, Frauen-Insel und Lang-Insel. Um die
letztere ist er dem Chiemsee "über", der bekanntlich nur eine Herren- und eine Frauen-Insel hat. Ein frischer Quell,
schlau mit einem Röhrchen gefasst, sprudelt nebenan aus dem Berg; er ist der Fluß, der sich in dieses Meer
ergießt. Bunte Kähne wiegen sich auf der klaren Fluth, welche den Himmel in befriedigenster Weise wiederspiegelt
und gerade tief genug ist, um Veranlassung zu einer Hütte zu geben, welche den anheimelnden Namen
"Rettungsanstalt" führt. Sie ist durchaus nicht überflüssig, und zwei Wiener, deren einer das "Kleinleben der
Großstadt" geschrieben hat, werden das gern bezeugen; sie sind nämlich einst beim Kahnfahren da hineingefallen
und dann nach allen Regeln der Kunst in jener Rettungsanstalt geborgen worden. Am Hafen aber, wo man die Kähne
besteigt, steht ein stattliches Thor, aus Balken gefügt, und führt die Inschrift:
"Fahr hin nach Nord und Ost und West. Wenn Du´s verstehst".

Schon dieses kleine Gelegenheitsgedicht mit seinem ländlich ungezwungenen Reim verräth, dass hier kein
Dutzendmensch waltet. Und das ist auch der alte Wiener Bürger keineswegs, der dieser Alpe den Stempel seiner
urwüchsigen Persönlichkeit aufgedrückt hat.

Er heißt Fritz Kinn und war in früheren Jahren Metallwarenfabrikant; noch auf der Wiener Weltausstellung machte er
gute Figur mit seinen Erzeugnissen, dann aber verkaufte er seine Fabrik und setzte sich in seinem Hernalser Hause
zur Ruhe. Aber er hatte nicht mit seinem frischen Wiener Blut gerechnet, das noch lange nicht zur Ruhe kommen
wollte. Es drängte ihn, zu erfinden, zu gestalten, etwas aus Nichts zu erschaffen. Und er fand sich ein neues
Terrain, das ihm erobernswerth schien. In einem anderen Jahrhundert hätte er sich irgendwo am Ende der Welt eine
Robinson-Insel eingerichtet, in einem anderen Welttheil hätte er vielleicht einen kleinen Freistaat gegründet, im
vorigen Jahrzehnt und im Wienerwald war das wohl nicht mehr recht möglich, aber der alte Kinn hat doch etwas
Ähnliches gethan. Mit dem herzhaften Natursinn des Altwieners begabt, durchstreifte er Berg und Thal, Wald und
Wiese, und gelangte auch auf die Hochrahm, welche dem Bürgerspitalfonds gehört. Der Blick rings in die Weite
fesselte ihn, denn man sieht von da oben viele grüne Häupter, unter ihnen als höchstes den Tulbinger Kogel. Und
dann sprang da oben ein frischer Quell, ein gar süffiges Wässerlein, von dem trank er einen Schluck und da war ihm,
als habe er einen Liebestrank getrunken. Er konnte nicht mehr von der Stelle; da oben wollte er leben und sterben,
aber in seiner Weise. Er pachtete die
Hochrahm, wo damals nichts zu finden war, als baumlose Grashalde, jener Quell und ein niederes, recht in den
Boden hineingewachsenes Häuschen. Heute, nach zwölf Jahren, steht oben ein ganzer Weiler, den er geschaffen
hat. Jahrelang ging er jener Wasserader nach und verfolgte sie unter der Erde, bis er die Stelle fand, wo sie sich am
besten fassen ließ (obgleich er eigentlich auch jetzt nur ihren letzten Heimlichkeiten nachgeht). Dann grub er sich
jenen See und erschuf die drei Inseln darin, mit allem Zubehör. Dann richtete er ein gutes wienerisches Gasthaus
ein, baute einen schmucken Speise- und Tanzsaal, eine solide Kegelbahn, einen Verkaufsbazar, Küche und Keller
und Stallung, stellte Schaukel und Ringelspiel auf, schaffte taugliche Esel an, wie sie früher den Verkehr auf den
Kahlenberg vermittelten, kurz: er gründete eine ganze Kolonie.

Er brauchte dazu keinen Teichgräber, keinen Ingenieur, noch Baumeister, er wußte Alles selbst zu machen. Und
jedes Jahr wuchs etwas Neues hinzu und die Wiener kamen fleißig und immer fleißiger hinaus und hatten ihre
Freude an dem gemütlichen Plätzchen und dem strammen, allzeit fröhlichen Wirth, der unter seinem schwarzen
Käppchen voll Schnurren und kluger Wörtlein steckt und gar richtig über dem Weltlauf zu urtheilen weiß, den er nun
so lange, lange Zeit mit ansieht.

Denn allerdings ist er nachgerade 72 Jahre alt geworden. Heuer im August wird er sein 50jähriges Jubiläum als
Wiener Bürger begehen - seine Bürgerkarte hat noch der Bürgermeister Leeb unterschrieben, anno 1837. Es ist
begreiflich, wenn der wackere Altwiener diesen Tag nicht ganz ohne Sang und Klang vorübergehen zu lassen
gedenkt. In seiner originellen Weise hat er beschlossen, seine geliebte Quelle in einen blanken Stein zu bergen, der
auch schon wohlbehauen an Ort und Stelle liegt. Er ist viereckig, mit einem Gieben gekrönt und wird vier schön
gegossene Metalltafeln aufnehmen, welche bereits in tadellosem Guß fix und fertig liegen. Die eine enthält die
Inschrift:

"Viel gegraben in der Erde,
Wasser, Steine, klein und groß,
und wenn ich einst müde werde,
Nehm´ mich in deinen Mutterschoss."

Die andere sagt:
"Viel gerungen, viel gelitten,
Achtundvierzig mitgestritten,
Nichts erkämpft und doch gelungen,
Das Lied der Freiheit mitgesungen."

Und die dritte: "Fritz Kinn, Bürger von Wien,
er - k.k. priv. Nadel -, Bronze-, Messing-,
Stahl- und Eisenwaaren-Fabrikant,
Feldwebel im 1. Bürgerregiment, vierte Kompagnie,
gründete die Hochrahm - Alpe im 62. Lebensjahre 1875.
Dass die Freunde denken mein, setzt´ich selber mir
den Stein, zu meinem 50jährigen Bürgerjubiläum
im August 1887."

Die schönste Tafel aber ist die, welche den dreieckigen Giebel füllen wird. Sie zeigt in Reliefdarstellung eine
Landschaft, in der die Sonne aufgeht und einen mit dem Spaten arbeitende, Bauer bescheint, dem der alte Herr
selbst (wohl getroffen) zusieht. Darunter stehen nur die drei Worte: "Komm - schaff - geh."

Ich muß gestehen, diese Inschrift hat mir imponirt. Mit lapidarischer Kürze spricht sie eine tief sittliche Wahrheit
aus, ein philosophisches Lebensergebnis. "Komm´, schaff´, geh´", das bezieht sich auf die Sonne, wie auf den
Menschen, dem sie hienieden zu seiner Arbeit leuchtet. Hätte ein alter Grieche oder Römer diese drei Worte
gesprochen, sämmtliche Schulkinder der Welt würden sie auswendig lernen müssen. Ueberhaupt ist mir die ganze
Erscheinung dieses Alten von der Hochrahm eine sympathische. Sie trägt den Stempel einer altwienerischen
Tüchtigkeit, welche die Dinge mit einem gewissen naiven Idealismus ansieht und sie schließlich doch praktisch
angreift. Diese Art von Menschen ist in unseren Tagen gar selten geworden.

Im August also wird der alte Kinn seinen Stein über seiner Quelle aufstellen - ein nicht unwürdiges Seitenstück zu
manchem anderen Denkstein im Wienerwald - und wird dazu alle noch lebenden Kameraden aus seinem
Bürgerregiment von Anno dazumal durch Zeitungsaufruf einladen. Mögen Wind und Wetter dem schlichten Denkmal
günstig sein, und auch dem Manne der ihn aufstellt.

Originaltext siehe "Auszug aus den Originalunterlagen" - Dort schreibt sich die Hochra
hm noch mit "h"

*) Universitätsstadt Gablitz - gemeint war wahrscheinlich Universitätsstadt Linz
**) Erdzeislein: Der Êrdzeislein, des -s, plur. ut nom. sing. ein vierfüßiges bräunlich graues Thier von der Größe eines Marders, welches
einen kurzen Schwanz und statt der Ohren Löcher wie ein Maulwurf hat. Es ist in Österreich, Kroatien, Venedig u.s.f. einheimisch, bauet
sich Höhlen in der Erde, und lebt von Feldfrüchten; Mus Noricus Citellus, Gesn. die Zieselratte, Zieselmaus, ob es gleich von der Spitz- oder
Zieselmaus (Sorex) noch eben so verschieden ist, als von der Bilch- und Haselmaus. Die letzte Hälfte des Nahmens ist das Diminut. von
Ziesel in Zieselmaus.
Auffahrt zur Hochram beim Ortsanfang von Gablitz über die Berggasse.

Weitere historische Aufnahmen der Hochram: Sammlung des Franz Vormaurer
Link zum Gasthaus Hochramalpe: www.hochramalpe.at
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Hochram 1908
Schiffskarte um 1913 - 40 Heller
Das Gründer-Ehepaar
Hochram 1918
Hochram 1940
Hochram 1977