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18 - 1990

Mit dem Bus von Gablitz nach Purkersdorf
Vor 90 Jahren entstand erste Autobus-Kraftwagenlinie

Heuer jährte sich zum 90. Male jener Tag, an welchem in Österreich das Tor zu einer neuen Art der
Personenbeförderung aufgestoßen wurde: Technischer Erfindergeist, Kühnheit des unternehmerischen
Denkens und die Weitsicht eines Landarztes im nahe gelegenen Wienerwald waren die Voraussetzung für die
Gründung der ersten Autobus-Kraftwagenlinie Österreichs.

Die große Zeit des Postkutschenverkehrs lag mehr als dreißig Jahre zurück, und der lokale und private
Kutschenverkehr konnte die zunehmende Zahl von Fahrgästen fast nicht mehr bewältigen. So kam es, dass
sich in Wien eine Gruppe von Unternehmern und Geldgebern zusammenfanden, um die "Erste
österreichisch-ungarische Automobilbetriebsgesellschaft Adalbert Hermann und Co" zu gründen. Die
Überlegung war es, die neuartigen Automobile in der Bauart so zu vergrößern, dass Fahrgäste gewinnbringend
befördert werden konnten. Die Karosserie konnte maßgeschneidert bestellt werden: die Fahrgasttüre rückwärts
oder seitlich, der Fahrgastraum hoch oder niedrig. Man war bestrebt, den zunehmenden Sommerfrischeverkehr
von der "Kaiserin Elisabeth-Westbahn" nach Gablitz wirksamer zu erschließen. Die initiative ging vom
"Gablitzer Verschönerungsverein" aus.

Der Gablitzer Gemeindearzt Dr. Julius Singer, welcher nicht nur im Bezirk den ersten Rettungsdienst
einrichtete und später der Gemeinde Wien den Antrag unterbreitete, die Straßenbahnlinie "49" von Wien -
Hütteldorf bis nach Gablitz zu verlängern, erreichte auch von der besagten Busfirma, dass deren erster
Autobus auf der Linie Gablitz - Purkersdorf eingesetzt wurde. Am 16. Juni 1900 erfolgte die Probefahrt mit dem
damaligen Bezirkshauptmann Primo Calvi und den Dorfhonoratoren von Purkersdorf und Gablitz.

Die Linie stand aber von Anfang an unter einem Unstern. In Purkersdorf rutschte der Bus in einer Kurve in den
Strassengraben und kippte um: Ein Bus-Unfall! Damit war die Gefährlichkeit dieser Reisemöglichkeit erwiesen.
Die Bevölkerung, welche wegen der Lärm- und Gestankbelästigung Klage geführt hatte, erreichte die
Einstellung dieser Buslinie. Das große Problem dieser Fahrzeuge war damals der Gegensatz zwischen der
Starrheit der Fahrzeuge (keine Federung), die erhöhte Geschwindigkeit und andererseits der schlechte
Zustand der Straßenoberfläche. Die Strecke belief sich auf 4,5 Kilometer, welche in 15 Minuten gefahren
wurde. Der Fahrpreis war 30 Heller.

Am 7. April 1901 erreichte die Firma die Neueröffnung der Linie, dieses Mal jedoch von Purkersdorf aus.
Wieder war es ein Fahrzeug Marke Daimler mit Holzrädern und Eisenreifen. Das Betriebskapital wurde erhöht,
wobei einer der Geldgeber Karl Wittgenstein war, vermutlich der Vater des Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Geschäftsführer Adalbert Herrmann war beeindruckt von dem eingezahlten Firmenvermögen. Laut Erzählungen
alter Gablitzer soll er das angesammelte Betriebskapital abgehoben und sich auf Nimmerwiedersehen nach
Südamerika abgesetzt haben. Der Betrieb wurde sofort eingestellt und der Konkurs angemeldet. Im Jahre 1903
wurde die Firma im Wiener Handelsregister gelöscht. Von da an betrieben zwei Gastwirte mit Pferdestellwägen
den Verbindungsfahrgastverkehr nach Purkersdorf. Erst im Jahre 1926 kam es zur Gründung einer zweiten
Linie durch Leopold Ring aus Gablitz und August Heinselmann aus Wien. Beide verkauften ihre Firma 1932 der
K.Ö.B. (Kraftwagendienst Österr. Bundesbahnen). In seiner langen, wechselvollen Geschichte wurde das
Autobusnetz immer mehr erweitert, heute dehnt es sich bereits bis Krems aus.

Diese Automobil-Linie war bis vor kurzer Zeit noch relativ unbekannt. Im Rahmen der "Wienerwaldkonferenz",
welche 1989/90 in Purkersdorf tagte, erklärte sich der "Verkehrsverbund Ostregion" (V.O.R.) bereit, auf dieses
Jubiläum im Rahmen der Österreichischen Verkehrswerbung hinzuweisen, ist es doch überaus
wünschenswert, dass der öffentliche Verkehr von der Bevölkerung im Sinne des Schutzes unserer Umwelt
stärker als bisher angenommen wird.


Die historische Buslinie Gablitz - Purkersdorf
Ein Autobus anno 1900
Mit Klick zum Zeitungsartikel aus dem Jahr 2000: "100 Jahre erste Autobuslinie Österreichs"