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11 - Sommer 1979

Geheimnisvoller Wienerwald:
Die Klosterruine


Am Riederberg beim Gasthaus Obermaisser
angekommen, sieht man eine Sandstrasse,
die in westliche Richtung in den Wald führt.
Ein Schranken und ein Schild erinnern daran,
dass hier ein "Bannwald" beginnt.

Bei der ersten Kurve verlässt man rechts die
Strasse und dringt in das Dickicht ein, wo
wenige Meter weiter ein Pfad beginnt.
Wieder in westlicher Richtung geht es
schräg den Berghang hinunter, bis man
auf einem breiteren Fahrweg anlangt und diesen ansteigend, plötzlich und unvermittelt vor mächtigen Mauern
steht. Ein enges und abgeschiedenes Tal, durch welches keine Strasse führt. Eine wunderbare Stille und der
spürbare Reiz eines unberührten Stückchen Waldes. Nur das Gezwitscher der Vögel und das leise Murmeln
des nahen Baches sind zu vernehmen und etwas weiter plätschert munter aus einer lieblichen Quelle köstliches
Wasser und rinnt über den Weg, der Ruine zu.

Spärliche Aufzeichnungen in Büchern erzählen, dass hier im 15. Jahrhundert der Franziskanermönch Capistran
des Weges kam. Er war von der Lieblichkeit des kleinen Tales so entzückt, dass er beschloss hier eine Stätte
der Gottesbetrachtung, ein kleines Kloster, zu errichten. Ganze acht Jahre soll daran gebaut worden sein (1456
- 64). Obwohl fernab der Welt, war diesem Kloster dennoch nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Eine
Gefahr aus dem Osten schob sich heran und warf seine drohenden Schatten voraus. Türkische Reiterhorden
hinterließen bereits ihre blutigen Spuren, bevor sie sich zum ersten Male zum Sturm auf Wien bereit machten.
Auch unser Kloster "Im Paradies" - wie es hieß - wurde entdeckt und in Brand gesteckt. Die gefangenen
Mönche, von denen immer nur eine kleine Zahl hier wohnte, wurden lebendigen Leibes in die Flammen
geworfen. Bald nach der ersten Brandschatzung kamen aus dem nahen Neulengbach neuerlich Mönche, um auf
der Ruine ein neues Gebäude zu errichten und zu besiedeln. Doch im Jahre 1529 schlug dem Kloster die letzte
Stunde. Wieder waren es die türkischen Horden, die mordend und sengend dieses abgeschiedene Tal
erreichten und mit beispielloser Grausamkeit nicht nur die 22 Mönche des Klosters sondern auch fast die
gesamte Bevölkerung der umliegenden Orte niedermetzelten.

Von jetzt ab wagte es niemand mehr, das entlegene, kleine Kloster wieder aufzubauen. Der Wald überwucherte
bald diese Stätte und was den Flammen keine Nahrung geboten, wurde ein bequemer Steinbruch für die Bauern
der Umgebung. Auch soll, der Überlieferung zufolge, die Nähe der nunmehrigen Klosterruine zu einem beliebten
Lagerplatz für das fahrende Volk der Zigeuner geworden sein. Soweit die offizielle Lesart, die auf jederzeit
überprüfbaren Fakten fußt.

Die Geschichte von der Klosterruine im Gablitztal wäre aber nicht vollständig, wollte man sich nicht auch jener
Erzählungen und Mythen erinnern, die noch nicht durch den Spaten des Archäologen bestätigt wurden. So
besagt eine Überlieferung, dass die Grundmauern der Klosterruine sehr viel älter seien, als es die gesicherte
Geschichtsschreibung vermeldet und dass an dieser Stelle einst ein Sitz des von der Kirche verfolgten
Templerordens bestanden habe. "Männer mit roten Käppchen" sollen hier immer wieder gesehen worden sein.

Wie lebendig bis in unsere Tage die Überlieferung geblieben ist und wie sehr die Menschen der Umgebung
dieser geheimnisvollen Ruine verbunden sind, zeigt die Erzählung einer 90-jährigen Frau. Diese erinnert sich
noch an Prozessionen in Dürrejahren zu der Quelle bei der Klosterruine, die in ihrem Ablauf mehr den Charakter
einer altheidnischen Geisterbeschwörung hatten, als den einer christlichen Bittprozession. Mit Schlägen in die
Quelle, Lärm und Verwünschungen wurde der "Quellgeist" absichtlich "gestört", damit sich sein "Zorn" in Form
von Regen über das dürre Land ergießen möge. Und gar oft - so erinnert sich die 90-jährige ihrer Jugendjahre -
konnten die Prozessionsteilnehmer nur mit Mühe noch ihren heimatlichen Herd erreichen, ehe mit Blitz und
Donner der ersehnte Regen kam.

Diese Frau erinnert sich auch noch sehr deutlich an einen unterirdischen Gang, dessen Mündung sich an dem
der Klosterruine gegenüberliegenden Hang befand. Sie erzählte, dass sie mit ihren Spielgefährten immer so weit
in den Gang hineingelaufen sei, bis die Kerzen erloschen. Dann seien sie umgekehrt. Die Richtung des Ganges
hätte auf die ausgedehnten Überreste der einstigen "Rieder- oder Wallburg" gedeutet, womit ein möglicher
Hinweis auf jene Sage gegeben ist, dass auf der "Wallburg" der "Weltliche Herr" der Templer, auf der
Klosterruine hingegen der "Geistliche Herr" seinen Sitz hatte. Beide Anlagen sollen unterirdisch miteinander
verbunden gewesen sein.

Dass sich im Gebiet der Klosterruine Reste von Bauwerken befinden, die weitaus älter als die Klosterruine
selbst und bis heute nicht datiert sind, ist eine Tatsache. So wurde 1975 durch Dr. F. Zarl, Pfarrer in Ollern, mit
dem archäologischen Institut eine Grabung durchgeführt um festzustellen, ob der Weg neben der Klosterruine
vielleicht mit der ehemaligen Römerstrasse ident sei. Gefunden wurden mächtige Mauerreste, die das
Vorhandensein von Wachtürmen bestätigen. Ferner lässt das Auffinden von römischen Ziegeln in den
Grundmauern der Klosterruine darauf schließen, dass es sich hier möglicherweise um eine römische
Befestigung handelt. Dies wäre übrigens die erste ihrer Art im Wienerwald.

Es gibt aber noch mehr Rätsel um das Gebiet um die Klosterruine. So wurden nur wenige Meter neben der
Ruine etwas oberhalb der vorhin beschriebenen Quelle im Zuge einer Grabung starke Mauerreste entdeckt, die
ihrerseits wieder etwa zwei Meter tiefer auf weitaus älteren Mauern ruhen. Ein quer unter diesen Mauern
liegendes Skelett lässt es nicht ausgeschlossen erscheinen, dass es sich hier um die verschollene Kirche St.
Laurenzi handelt.

Eines der bemerkenswertesten Rätsel in diesem Gebiet sind jedoch eine Reihe von gewaltigen Steinkugeln mit
einem Durchmesser von 1.80 - 2 Meter. Steinkugeln dieser Art werden in vielen Teilen der Welt und da oftmals
an den ungewöhnlichsten Orten gefunden. Bis heute ist es weder hier noch sonst wo gelungen, eine vernünftige
Erklärung für das Vorhandensein dieser Kugeln zu geben. Es war auch eine Datierung dieser Kugeln bis heute
nicht möglich. Die Überlieferung sagt uns lediglich - und eindeutige Spuren von Gewaltanwendung beweisen das
sehr deutlich - dass diese Kugeln Schatzverstecke wären. Was zur Folge hatte, dass sie zum Teil zertrümmert
wurden. Nichts dergleichen wurde je gefunden, obwohl zu Kriegsende in der Klosterruine vorübergehend ein
Kirchenschatz vergraben wurde.

Verschollen, wie so vieles, ist auch der mittelalterliche Friedhof, der irgendwo unter dem dichten, der
Klosterruine vorgelagerten Jungwald liegt. Verschollen oder verschüttet ist das Wissen um jene Dinge, die sich
Vorzeiten in der Gegend der Klosterruine begaben, von denen als Zeugnis nur für uns unverständliche steinerne
Reste auf uns überkommen sind. Vielleicht war hier, in grauer Vorzeit, ein großes Heiligtum. Vielleicht……wir
wissen es nicht.

Kurzbiographie von Johannes Capistran - NÖ Landesmuseum unter
http://geschichte.landesmuseum.net/index.asp?contenturl=http://geschichte.landesmuseum.net/personen/pers
onendetail.asp___id=1041049906
sowie
http://www.magisch-reisen.at/wb/pages/kraftorte-in-noe/wienerwald/gablitz.php