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9 - Herbst 1978

Mord in Gablitz (anno 10. Augusti 1696)

In einem etwa 100 Jahre alten Buch findet sich die Erzählung von einer Bluttat,
die sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Gablitz ereignete. Es handelt sich
um den geheimnisvollen Mord an dem Grafen Hallwyl.

Dazu aber folgende Vorgeschichte: Jahrelang verstimmten Zerwürfnisse das
politische Verhältnis zwischen dem Hause Habsburg und dem Hause Braganca
in Portugal. Diese waren nun beigelegt und der portugiesische Gesandte wurde
in Wien erwartet. Es war der 29. November 1695. Unzählbare Karossen und
Sänften, eine Menge reich geschmückter Pferde, Scharen von bewaffneten
Kriegern und goldstrahlende Reihen Dienerschaft bildeten den herrlichen Zug.
Der Gesandte selbst, aus dem alten und edlen Geschlecht der Marquis von
Aronches, leuchtete im Glanz seines Reichtums. Etwa 40 Jahre alt und von
betont vornehmer Erscheinung, zog er von überall her die Blicke auf sich.
Auch nach seiner Ankunft machte er durch die rauschenden Feste, seine
Freigiebigkeit und Prachtliebe von sich reden. An seinen Spieltischen nahmen
die Vornehmsten des Landes teil, und trotz des ungeheuren Aufwandes
schienen seine Geld- und Goldquellen unversiegbar zu sein.

Bei den glänzenden Festen Aronches´ war unter anderen auch der junge und allgemein geachtete Graf Johann
Hallwyl. Zu ihm schien der Marquis eine besondere Vorliebe gefasst zu haben, denn oft besuchten sie
einander, jagten miteinander oder waren im Hotel der Braut des jungen Grafen eingeladen. Auf einmal schien
sich die Stimmung des portugiesischen Gesandten auffallend geändert zu haben. Seine Feste wurden seltener
und hatten nicht mehr jenen verschwenderischen Glanz wie früher. Von Tag zu Tag wurde der Marquis
verschlossener und man sprach von einer großen Anleihe, die der Marquis in einem Wechselhaus auf eines
seiner Güter nahm. Da begab es sich eines Abends, als eben im Hotel des Grafen ein hohes Spiel gespielt
wurde, dass der Marquis eine bedeutende Summe verlor. Aufgeregt wie er war, konnte er den ganzen Abend
die Gunst Fortunas nicht wiedererlangen, er verlor seine ganze Barschaft und blieb dem Grafen noch auf sein
Ehrenwort eine ansehnliche Summe schuldig. Sich entschuldigend, lud er den Grafen für den nächsten Tag zu
einer Jagdpartie in die Gegend von Gablitz ein und versprach, dabei auch seine Schuld abzutragen. Den
folgenden Tag, es war der 10. August 1696, kam Graf Hallwyl beim Marquis vorgefahren. Dieser schlug vor,
alles Personal zurückzulassen, außer dem eigenen Kutscher, und seine eigene Kalesche zu nehmen.

Der junge Graf stimmte wohl zu, obwohl bereits jetzt am frühen Morgen Gewitterwolken aufsteigen, und
schickte seinen eigenen Wagen zurück. Die beiden Jagdgefährten fuhren ohne weiteren Aufenthalt zum Burgtor
über das Schöff (Mariahilf) hinaus und ihrem Ziel entgegen. Gegen Mittag brach das Gewitter los, begleitet von
Blitz und Donner, und dauerte bis zum späten Abend an. Die Verwandten des Grafen sowie die Hausleute des
Marquis gerieten in bange Sorge um dieselben. Erst um Mitternacht rasselte die leichte Equipage in das
Gesandtschaftshotel zurück. Der Marquis stieg aber allein aus. Am nächsten Morgen sandte der Marquis
seinen Diener zum Haus des Grafen, um sich nach dessen Rückkehr zu erkundigen. Er ließ mitteilen, dass
der Graf beim ersten Regenguss einen vorbeifahrenden Wagen benützte, um nach Baden zu fahren. Am Tag
darauf meldeten sich drei Herrn, alle Verwandte des Grafen, um den Marquis zu sprechen. Der Graf sei noch
nicht zurückgekommen und Baden habe man durchforscht. Keine Spur. Vielmehr hege man den Verdacht,
dass ein Unglück geschehen sei und der Marquis damit zu tun habe. Dieser wies alle Anschuldigungen zurück
und drohte, sich Genugtuung zu verschaffen. In diesem Augenblick ließ sich der Sekretär des obersten
Kanzlers melden, der im Auftrag des Kanzlers und des Kaisers erschien: "Die Leiche des Grafen ist im Wald
bei Gablitz gefunden worden. Sie war nur obenhin mit Gesträuch verscharrt. Zwei Pistolenschüsse fanden sich
am Körper des Unglücklichen. Die Kugeln waren von rückwärts in Kopf und Brust gedrungen, also ein Mord.
Herr Marquis, ein Meuchelmord!" Aronches fuhr zusammen. Der Abgesandte des Kanzlers gab ihm den Rat,
auf schnellstem Weg die Stadt zu verlassen, da sich eine große Volksmenge dem Hotel nähere und Rache für
den Mord verlange.

Der portugiesische Gesandte entfloh um die Mitternachtsstunde, verkleidet und in einer unscheinbaren,
festverschlossenen Kutsche. Die Braut des jungen Grafen Hallwyl begab sich bald in ein Nonnenkloster am
alten Fleischmarkt. Der ermordete Graf aber war feierlich zur Erde bestattet worden und zu seinem Gedächtnis
wurde im Wald bei Gablitz, wo die Mordtat geschah, eine hölzerne Pyramide mit der einfachen Inschrift: 10.
August 1696. Graf Hallwyl, errichtet. Die Verwandten des Grafen betrauerten lange seinen Verlust, sein Bruder
aber, Clemens Leopold, hatte geschworen, dessen Blut zu rächen. Der Marquis hatte durch seine ungeheure
Verschwendung sein ganzes Vermögen versplittert und durch seine Ruhelosigkeit zog er durch die halbe Welt.
Seine Spur ging verloren und er sowie seine Tat wurden vergessen. Nicht aber vom Bruder des ermordeten
Grafen. Auch dieser reiste durch viele Länder, und immer auf der Spur des Marquis. In Venedig fand er ihn
endlich im Jahre 1713 und forderte von ihm Rechenschaft über das Leben seines Bruders. Beide drangen
aufeinander ein, doch schon nach kurzem Zweikampf stieß Hallwyl den Marquis nieder und warf diesen in einen
Kanal, in welchem er ertrank. Graf Hallwyl starb als Mönch in einem Kloster in Apulien. In der St.-Josefs-Kirche
in der Leopoldstadt befindet sich ein Grabstein, welcher der "Hallwyl´sche Trauerstein" heißt und eine dem
gemordeten Grafen Johann Hallwyl gewidmete Inschrift trägt.



Zu diesem Thema ein Beitrag der Universität Wien unter
http://www.univie.ac.at/Geschichte/akt_jgab.html

Gedenkstelle ggü.
Marienheim Hauersteigstr. 51